Kommunikative Erschließung
Wohnen beginnt nicht erst bei der Wohnungseingangstür – Das Haus als Dorf
Erschließung kann und soll deutlich mehr sein als der bloße Weg zur eigenen Wohnung. Sie birgt aus unserer Sicht großes Potential, das es auf vielfältige Weise auszuschöpfen lohnt. Über den eigentlichen baulichen Zweck hinaus können Erschließungszonen v.a. als Aufenthalts- und Kommunikationsorte zur Förderung niederschwelliger Nachbarschaften fungieren. Wege sollen sich hier ganz bewusst kreuzen, differenziert gestaltete Erschließungsräume bieten Sichtbezüge und vielfältige Aufenthaltsqualitäten. Konzentrieren sich solche Bereiche primär auf ihre soziale Funktion, können sie die Entstehung lebendiger Gemeinschaften wesentlich unterstützen, die soziale Kontrolle, Sicherheit und Geborgenheit erhöhen und langfristige soziale Netzwerke entstehen lassen, von denen v.a. vulnerable Gruppen, wie Senior:innen oder Alleinerziehende, profitieren. Im Idealfall erstrecken sich solche Netzwerke dann – ähnlich wie in einem Dorf – über den gesamten Wohnbau. Aufgrund dieser Anforderungen war und ist das soziale/kommunikative Potential von Erschließungen immer ein zentrales Element in unserer planerischen Tätigkeit.
Innenliegende Erschließung
Die für im Wiener Wohnbau ehemals typische „Bassena“-Situation wird in unseren Projekten neu belebt: Gänge lassen sich zu größeren, offenen und gemeinschaftlichen Kommunikationszonen erweitern. Auf großzügigen Gemeinschaftsflächen laden in den Bodenbelag integrierte „Brettspiele“ oder große Tafelwände zum Austausch, zum gemeinsamen Interagieren und Spielen ein: als Kommunikationstool regen sie eine sehr kurzweilige und unkomplizierte Kontaktpflege an, in gestalterischer Hinsicht präsentieren sie sich als oftmals äußerst unterhaltsamer und abwechslungsreicher Blickfang.
Als weitere Variante entstehen mittels Nischen und Gangerweiterungen „Wohnungs-Entrées“ als individuelle Vor-Räume vor den eigentlichen Wohnungen. Diese Bereiche bieten den Bewohner:innen zusätzlich Raum zur Aneignung und Gestaltung ihrer unmittelbaren Wohnumgebung. Die individuelle Ausgestaltung erhöht nicht nur das Identifikationspotential mit der eigenen Wohnung, sondern steigert das Interesse, die Person(en) hinter der Wohnungstür näher kennenzulernen. Damit wird die Fußmatte (als bislang einzig mögliches individuelles Ausdrucks- und Aneignungsmittel vor der Wohnungstür) abgelöst zugunsten einer gebauten „Visitenkarte“.
Bei der baulichen Umsetzung von klassischen Mittelgängen spielen für uns jedenfalls Kriterien wie Helligkeit, Orientierung hin zum Licht und eine gute Einsehbarkeit eine wichtige Rolle. Selbst diese vornehmlich rein funktionellen Bereiche sollten bereits Aufenthaltsqualitäten aufweisen und ein gewisses Maß an Wertschätzung für die Bewohner:innen abbilden. Eine freundliche und einladende Farbgebung schafft nicht nur ein angenehmes Raumgefühl, sondern erhöht auch das Identifizierungspotential der Wohnenden mit ihrem unmittelbaren Wohnumfeld, über die eigenen vier Wände hinaus.
Außenliegende Erschließung
Ein bewährtes Element des Wiener Wohnbaus ist der „Pawlatschengang“, der in unseren Projekten immer wieder neu interpretiert und weiterentwickelt wird. Der Laubengang schafft durch seine Offenheit und den fließenden Übergang zwischen privater Aneignung und halböffentlicher Begehbarkeit nahezu ideale Voraussetzungen für nachbarschaftliche Kommunikation und soziales Interagieren. In der praktischen Umsetzung lassen sich dabei fein abgestimmte Übergänge und unterschiedliche Abstufungen zwischen Privatheit und halböffentlichem Bereich ausformulieren.
Auch eine sehr enge Verschränkung zwischen privatem Wohnbereich und Außenflächen ist möglich. Die Grenze zwischen Laubengang und persönlichem (Eingangs)bereich markiert nur noch ein dünner Zaun, durch die durchgängige Verglasung des Wohnbereichs in Richtung nach außen wird im gesamten Geschoss die strikte Teilung privat-halböffentlich durch eine transparente Haut nahezu völlig aufgehoben.














